Warum man historisches Sattelleder nicht schleifen darf

Über Aufbau, Narbenstruktur und die Grenzen der Restaurierung

Wer alte Militär- und Fahrradsättel restauriert, steht früher oder später vor der Frage:
Warum ist das Leder rau, spröde oder hügelig – und kann man das nicht einfach glatt schleifen und wieder schön machen?

Die kurze Antwort: Nein.
Die lange Antwort hat mit dem Aufbau von Leder zu tun.


Leder ist kein homogener Werkstoff

Leder ist kein Material wie Holz oder Metall, das überall gleich aufgebaut ist.
Es ist ein biologischer Faserverbund mit einer klaren Richtung – und damit mit einer oberen und einer unteren Seite.

Diese Struktur stammt direkt von der Tierhaut.


Die Narbenseite – die tragende Oberfläche

Die oberste Schicht des Leders nennt man Narbenstruktur oder Narbenseite.
Sie ist:

  • besonders dicht
  • mechanisch sehr belastbar
  • relativ abriebfest
  • entscheidend für die Tragfähigkeit eines Sattels

Bei einem Fahrradsattel übernimmt diese Schicht einen grossen Teil der Lastverteilung. Diese Schicht bildet quasi das Tragwerk des Leders.


Darunter: die Faserzone

Unter der Narbenseite liegt die sogenannte Faserzone:

  • deutlich lockerer aufgebaut
  • saugfähig
  • mechanisch viel schwächer

Diese Zone ist nicht dafür gemacht, offen zu liegen oder belastet zu werden.


Was passiert beim Schleifen oder Polieren?

Wird Leder von der Narbenseite her geschliffen oder mit abrasiven Mitteln poliert:

  • wird zuerst die Narbenstruktur abgetragen
  • danach liegt die Faserzone frei
  • das Leder saugt ungleichmässig Fett und Feuchtigkeit
  • es trocknet schneller aus
  • es reißt bevorzugt an den Sitzkanten
  • der Sattel beginnt durchzusacken

Das Leder wirkt kurzfristig glatter, verliert aber dauerhaft seine Stabilität.
Dieser Schaden ist irreversibel.


Warum Rauheit nicht gleich Schaden ist

Viele alte Sättel wirken heute rau, körnig oder leicht hügelig.
Das ist meist Alterung, nicht Zerstörung:

  • Gerbstoffe sind ausdiffundiert
  • Fette sind über Jahrzehnte verloren gegangen
  • die Oberfläche hat an Elastizität eingebüsst

Solange die Narbenseite noch vorhanden ist, bleibt der Sattel strukturell stabil – auch wenn er optisch nicht mehr perfekt ist.


Was ist bei historischem Leder sinnvoll – und was nicht?

Nicht sinnvoll (No-Go):

  • Schleifpapier (egal wie fein)
  • Polierpasten, Korund, Bims
  • Schwabbelscheiben
  • rotierende Werkzeuge
  • Hitze
  • Beschichtungen oder „Lederfarben“

Alles, was Material abträgt, schädigt die Narbenseite.


Sinnvoll:

  • langsames, sparsames Rückfetten
  • Handpolitur mit Handballen oder Polierholz
  • Geduld statt Maschinen

Ziel ist nicht „wie neu“, sondern erhalten statt zerstören.


Fazit

Historisches Sattelleder lässt sich nicht regenerieren wie Holz oder Metall.
Man kann es pflegen, stabilisieren und würdigen – aber nicht neu aufbauen.

Was an der Narbenseite einmal weg ist, kommt nie zurück.

Darum verzichten wir bewusst auf schleifende oder polierende Verfahren und akzeptieren Patina als Teil der Geschichte eines Sattels.


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